Hammer und Tanz haben versagt: Wir betreten pandemisches Neuland.

Hammer und Tanz war eine gute Idee zur richtigen Zeit, hat letztendlich allerdings als Strategie versagt. Wir betreten nun pandemisches Neuland:

Diese Artikel sind für Sie, wenn Sie derzeit um die richtige Corona-Politik ringen. Eine Politik, die die Krankenhäuser entlastet, die Leben und Arbeiten ermöglicht und in der Schulen und Kindergärten ihre Aufgaben erfüllen können.

Unsere Gesellschaft hat keine Erfahrung mit längeren Lockdowns. Es gibt keine Empirie, zu keiner einzigen Lockdown-Strategie. Ab Januar setzen wir also alle gemeinsam eine Innovation um — eine neue soziale Technologie, die uns stabilisieren soll, bis die Impfungen wirken. Sie ist ungetestet und wird in jedem Fall unerwartete Nebenfolgen haben. Die Alternativen sollten deshalb durchdacht sein. Hier wird eine entwickelt.

Wenn Sie diesen Artikel gelesen haben, wissen Sie Folgendes:

  • Covid-19 setzt Jahrhunderte eingeübter sozialer Technologien außer Kraft. Deshalb brauchen wir Innovation.
  • Corona-Wellen sind träge — reaktive Strategien deshalb immer zu spät und zu wenig.
  • Je nach Virus-Mutation kann es sein, dass die dauerhafte Belastungsgrenze einer Gesellschaft erreicht ist, bevor das Virus kontrolliert werden kann.
  • Es gibt einen zweiten Teil, in dem konkrete Maßnahmen diskutiert werden.

Hier ein sogenanntes Executive Summary bevor der Inhalt kommt:

Covid-19 verhält sich anders als jede Grippe. Sie ist gefährlicher, aber vor allem anders: Kollektive und Individuelle soziale Technologien versagen kläglich. Wir haben Covid-19 bekämpft wie die Spanische Grippe. Das ist falsch und destabilisiert die Gesellschaft.

Anti-Corona-Maßnahmen dauern länger als bei der spanischen Grippe, sie erfordern höhere Compliance der Leute und sind schlechter messbar. Nötige härtere Maßnahmen werden zunehmend weniger effektiv. Härtere Maßnahmen erfordern kürzere Dauer.

Wir stehen vor einer furchtbaren Entscheidung. Entweder Millionen von Menschen verlieren Ihre Existenz — oder Hunderttausende von Menschen verlieren ihr Leben. Aber was wenn wir gemeinsam Existenzen und Leben retten könnten? Legen wir los.

Erster Teil — Covid-19 ist anders als die spanische Grippe. Der Inhalt:

A. Kollektive und individuelle soziale Technologien zur Seuchenbekämpfung.
B. Präsymptomatische Superspreader: Warum sie außer Kontrolle bleiben.
C. Was wissen wir über Lockdowns?
D. Was wissen wir über Corona-Wellen?
E. Warum gerade längere Maßnahmen Superspreader nicht erwischen.

A. Kollektive und individuelle soziale Technologien zur Seuchenbekämpfung.

Seuchenbekämpfung hat immer wieder soziale Innovation geschaffen.
Wir haben Covid-19 bislang bekämpft wie die Spanische Grippe.
Kollektive soziale Technologien stoßen an Grenzen.

Die Bekämpfung von Seuchen funktioniert immer mit sozialen Technologien, die gelegentlich durch andere Technologien unterstützt werden, Mauern, Pässe oder Apps beispielsweise. Es gibt kollektive und individuelle soziale Technologien.

Quarantäne ist eine derartige Sozialtechnik: 1383 konnten Schiffe erst nach 40 Tagen Wartezeit (La quarantaine) in den Hafen von Marseille einfahren, um die Pest aus der Stadt fernzuhalten. Später wurden Kranke vor allem isoliert: Ob im Pesthaus in Massachusetts oder in Deutschland bis 1970 in Schullandheimen bei Pocken. Bedloe’s Island vor New York — der Standort der Freiheitsstatue — war die Insel, in der Infizierte Einwanderer 40 Tage warten mussten. Die Kranken wurden oft sich selbst überlassen.

Auch über ganze Städte wurde Quarantäne verhängt: Als die Pest 1720 dann doch in Marseille grassierte, wurde die Stadt von außen isoliert. Eine Mur de la Peste wurde rund um Marseille gebaut: 2m hoch, 70cm breit. 50% der 90.000 Einwohner starben.

1918 wurde in Ost-Samoa eine vollständige Blockade verhängt. Es gab Null Infektionen. In West-Samoa unter Neuseeländischer Führung gab es keine Blockade. 20% der Einwohner starben, der Rest erkämpfte sich danach die Unabhängigkeit.

Schon 1666 wurde in Frankfurt ein Gesetz erlassen, dass es Angehörigen von Pest-Haushalten verbot, Kirche und Jahrmarkt zu besuchen. Das Verkaufen der Kleidung Verstorbener wurde nur nach Desinfektion erlaubt. 1916 grassierte in New York die Kinderlähmung. Infizierte Kinder wurden mit Gewalt von ihren Eltern getrennt, 2.300 fanden den Tod.

Der Lockdown von St. Louis war im Jahr 1919 eine effektive und innovative Sozialtechnik, die verhindert hat, dass eine ganze Stadt isoliert werden musste, indem zur Eindämmung der spanischen Grippe alle zu Hause bleiben mussten, bis die Epidemie eingedämmt werden konnte. Die St. Louis-Strategie war so erfolgreich, dass sie als Blaupause aller Pandemie-Pläne weltweit bis zum heutigen Tage gilt.

Am 25. Januar 2020 verhängte China bei ca. 2.600 bekannten Corona-Fällen einen vollständigen Lockdown über 60 Millionen Einwohner in fast einem Dutzend Städten in Wubei. Kein Nahverkehr, keine Geschäfte, keine Reisen. Am gleichen Tag veröffentlichen Europäische Forscher rund um Drosten den ersten PCR-Test.

Individuelle soziale Technologien: Eindämmung der sozialen Virulenz.

Wer krank ist, bleibt daheim, und wer Kranke sieht, hält sich fern.
Wer krank wird, erinnert sich an den Ort der Ansteckung und seine Kontakte.
Soziale Virulenz ist das, was trotz kollektiver Maßnahmen passiert.

Auch in St. Louis gab es natürlich viele, die heimlich gegen den Lockdown verstießen. Aber sie schadeten nicht wesentlich: Denn alle, die Symptome verspürten, blieben trotzdem oft daheim. Und umgekehrt funktionierte es ebenfalls: Wenn eine beliebige Person bei einer anderen Symptome feststellte, hielt sie ebenfalls Distanz. Bei der Grippe ist die Phase zwischen dem Beginn der Ansteckbarkeit und dem Auftreten der Symptome sehr kurz.

Tag 0: Ansteckung
Tag 0–1: Spreader
Tag 1: Symptombeginn, danach maximal ansteckend

Grippe: Kurze Latenz, kurze Inkubationszeit, Maximum nach Symptomen.

He, X., Lau, E.H.Y., Wu, P. et al. Temporal dynamics in viral shedding and transmissibility of COVID-19. Nat Med 26, 672–675
He, X., Lau, E.H.Y., Wu, P. et al. Temporal dynamics in viral shedding and transmissibility of COVID-19. Nat Med 26, 672–675
He, X., Lau, E.H.Y., Wu, P. et al. Temporal dynamics in viral shedding and transmissibility of COVID-19. Nat Med 26, 672–675 (2020). https://doi.org/10.1038/s41591-020-0869-5

Einen halben Tag ist eine Person infiziert und wird dann ansteckend. Das Maximum der Viruslast wird erst nach Auftreten der Symptome erreicht. Heißt: Von denen die verstoßen sind nur wenige lange infektiös. Diese kurze Frist ermöglicht es allen selbstständig die Kontakte des Tages zurück zu verfolgen.

Die individuelle Sozialtechnik ist also simpel: Wer Symptome hat, hält sich fern, und wer sie bei anderen sieht, auch. Das findet bis heute rege Anwendung. Auch innerhalb der normalen Schnupfenzeit halten sich Infizierte von anderen Menschen fern. Häufig verbunden mit Sätzen wie “Ich gebe mal lieber nicht die Handsage mal nicht hallo, ich hab Schnupfen!” und Antworten wie “Ok, ich halte dann mal lieber Abstand!”.

Diese Sozialtechnik dämmt die “soziale Virulenz” ein, also die Ansteckungen, die stattfinden, weil kollektive Sozialtechniken nicht in der Lage sind, ihnen Einhalt zu gebieten. Der St. Louis-Lockdown funktioniert also dann sehr gut, wenn die Infizierten schnell merken, dass sie infiziert sind.

Covid-19 ist anders.

B. Präsymptomatische Superspreader: Warum wir sie nicht unter Kontrolle bekommen.

Ansteckend erst vier Tage nach Infektion.
Symptombeginn erst zwei Tage nach maximaler Viruslast.
Die soziale Technologie “Nachverfolgung” versagt mangels Gedächtnis.

Die sogenannten Superspreader sind aller Wahrscheinlichkeit nach Leute, die bereits infiziert sind, aber noch keine Symptome entwickelt haben. Präsymptomatische.

Tag 0: Ansteckung
Tag 3–5: Spreader, maximal ansteckend
Tag 5–7: Symptombeginn

Diese Phase ist sehr lang, und darüber hinaus ist das Maximum der Viruslast in der symptomfreien Phase. Die Infizierten fühlen sich kerngesund, sind aber bis zu 48 Stunden genauso ansteckend wie auf dem Höhepunkt einer Influenza. Das nachfolgende Bild verdeutlicht das:

Covid-19: Lange Inkubation, lange Latenz, Maximum vor Symptomen.

He, X., Lau, E.H.Y., Wu, P. et al. Temporal dynamics in viral shedding and transmissibility of COVID-19. Nat Med 26, 672–675 (2020). https://doi.org/10.1038/s41591-020-0869-5

Die ansteckende Person lebt ein normales Leben bis die Symptome nach sechs bis sieben Tagen einsetzen. Zu diesem Zeitpunkt ist sie allerdings schon 48 Stunden hochinfektiös und bleibt es ersteinmal.

Benefield, A. E. et al. (2020) SARS-CoV-2 viral load peaks prior to symptom onset: a systematic review and individual-pooled analysis of coronavirus viral load from 66 studies. medRvix. https://doi.org/10.1101/2020.09.28.20202028

Erst nach acht Tagen fragt jemand, wen sie getroffen hat und wo sie sich hätte anstecken können. Würde sie selbst ihre Kontakte nachverfolgen, wäre sie vermutlich überfordert. Bei der spanischen Grippe wäre es noch gegangen — aber selbst mit Erinnerungshilfe vom Gesundheitsamt wird der Bericht Lücken haben.

Warum die Viruslast schon wieder abnimmt, wenn die Symptome erst einsetzen, ist eine rege Fachdebatte. Vermutlich ist der Grund für die Symptome bei Covid-19 eher die Reaktion des Immunsystems als das Virus selbst. Blutgefäße im ganzen Körper scheinen angegriffen zu werden, Thrombosen bilden sich. Vieles erinnert an eine Vaskulitis, wie sie auch bei Lupus auftreten kann. Das ist eine Autoimmun-Erkrankung, bei der sich Blutgefäße entzünden. Deshalb gibt es auch eine Reihe von Langzeitschäden, die um ein Vielfaches schlimmer sind als bei einer Grippe, viele müssen in Reha.

Dieser Unterschied ist nicht zu unterschätzen. Covid-19 setzt Jahrhunderte eingeübter sozialer Technologien außer Kraft. Wir wissen viel zu spät, dass eine Person infiziert ist, und diese Person erinnert sich nicht mehr an ihre Kontakte.

Unsere bisherigen sozialen Technologien haben versagt. Die Gesundheitsbehörden, die Kontakte nachverfolgen sollen, helfen den Erkrankten eigentlich nur beim Erinnern. Bei 0 bis 1 Tag Distanz von Ansteckung bis Symptombeginn wie bei einer Grippe ist das machbar. Bei 7 Tagen allerdings nicht schaffbar. Die konventionelle Nachverfolgung funktioniert nicht mehr. Wir brauchen neue soziale Technologien. Abervorher noch: Was wissen wir über die alten, die wir gerade anwenden?

C. Was wissen wir über Corona-Lockdowns?

70% bis 80% Einverständnis sind Voraussetzung für Gelingen.
Ca. 13 Wochen Dauer notwendig für Erfolg.
Das Wetter ist entscheidender Faktor.

Forscher der Universität Melbourne haben verschiedene Arten Lockdown simuliert und wichtige Erkenntnisse gesammelt. Der wichtigste Faktor ist demnach: Das Level an Einverständnis der Bevölkerung in harte Maßnahmen. Ist es 70% (rot), gerät die Pandemie außer Kontrolle. Bei 80% (blau) sinkt die Kurve langsam, und bei 90% (gelb) wird sie nach 13 Wochen besiegt. Interessanterweise gingen sie auch bei einer 90%igen Folgsamkeit noch von sozialen Kontakten auf einem Niveau von 50% aus.

Chang, Sheryl et al. “Modelling transmission and control of the COVID-19 pandemic in Australia.Nature Communications 11 (2020): n. pag.

In Melbourne wurde nach 16 Wochen wieder geöffnet. Am 7. Juli wurde bei 835 aktiven Fällen gelockt, und erst am 17. Oktober waren es wieder unter 100. Am 07. August waren es in der Spitze 6.768 aktive Infektionen.

https://www.dhhs.vic.gov.au/victorian-coronavirus-covid-19-data

In Arizona dagegen konnte das Virus im Winter kein Fuß fassen. Im Sommer allerdings ist Klimaanlagen-Saison. Leute sind also gemeinsam drinnen.

https://www.nytimes.com/interactive/2020/us/arizona-coronavirus-cases.html

In New York gab es im dortigen Winter massive Probleme mit über 30.000 Todesopfern. Im Sommer allerdings ist es in New York nicht heiß genug für Klimaanlagen. Das Ergebnis:

https://www.nytimes.com/interactive/2020/us/new-york-coronavirus-cases.html

Das lässt einen Schluss zu: Wenn es zu heiß oder kalt ist, halten Menschen sich in Gebäuden mit geschlossenen Fenstern und Türen auf und stecken sich an. Wir wissen also über Lockdowns:

Eine bestimmte Schärfe der Maßnahmen hält die Zahlen unter Kontrolle, aber schon eine kleine Änderung oder ein externer Einfluss kann die Lage dramatisch ändern. Zuvor funktionierende Maßnahmen genügen dann nicht mehr und Entwicklungen werden exponentiell.

D. Was wissen wir über Corona-Wellen?

Corona-Wellen dauern länger als Grippewellen.
Corona-Wellen reagieren viel träger auf Maßnahmen.
Corona-Wellen vertragen keine geringe Compliance.

Corona-Wellen dauern länger

Während die tödlichste Welle der spanischen Grippe selbst in stark betroffenen Staaten wie dem Deutschen Reich im Oktober begann und im November wieder endete, und sogar in St. Louis, der Stadt mit dem frühzeitigen Lockdown, im Dezember vorbei war, scheint die Covid-19-Welle weitaus länger anzudauern. Und das gerade weil Maßnahmen eingeführt werden. Das nachfolgende Bild verdeutlicht den Effekt:

Public health interventions and epidemic intensity during the 1918 influenza pandemic Richard J. Hatchett, Carter E. Mecher, and Marc Lipsitch PNAS May 1, 2007 104 (18) 7582–7587; first published April 6, 2007; https://doi.org/10.1073/pnas.0610941104

In Manaus, Brasilien, gab es keinerlei Maßnahmen. Einer von 400 Bürgern starb, aber die Welle war nicht nach zwei Monaten vorbei, sondern nach vier: Sie tobte von März bis Juni und füllte die Massengräber. Es ist also durchaus denkbar, dass die Wellen bei Corona schlicht doppelt so lang andauern. Und es ist ebenfalls denkbar, dass sie umso länger andauern, wenn die Maßnahmen die Kurve erfolgreich verflachen und Leben retten. Und es ist denkbar, dass Wetter und Compliance entscheidende Faktoren sind.

Das hat eine wichtige Folge: Maßnahmen müssen entweder auf Dauer angelegt und ertragbar sein, oder sehr kurz und dafür immer wieder.

Die Corona-Wellen sind träger

Während eine Grippekranke bereits an Tag 2 nach ihrer eigenen Ansteckung die von ihr Angesteckten im Krankenlager begrüßen könnte, müsste eine Covid-19-Patientin bis zu 11 Tage warten: Eine Woche, bis sie nach der Infektion Symptome zeigt. Und dann nochmal eine Woche von dem Punkt angerechnet, als sie selbst ansteckend wurde, das war Tag vier. Das ist auch der Grund, warum Maßnahmen gegen die Grippe im Prinzip bereits nach drei Tagen auf ihre Wirksamkeit hin überprüft werden können, Maßnahmen gegen Corona allerdings erst nach 14 Tagen.

Das hat eine wichtige Folge: Immer, wenn wir die Wirksamkeit einer Maßnahme messen können, ist die Corona-Welle schon wieder woanders. Jede strikt reaktive Strategie muss deshalb von vorneherein zu langsam sein.

Corona-Wellen verlangen viel Einverständnis

Chang, Sheryl et. al gehen laut ihrer Modelle davon aus, dass ein Einverständnis von mindestens 70% nötig ist, damit überhaupt eine Wirkung festgestellt werden kann. Aber auch schon davor gilt: Wenn die Compliance grundsätzlich weiter abnimmt, werden Maßnahmen immer weniger wirksam.

Wenn also immer härtere, unberechenbare und scheinbar wirkungslose Maßnahmen die Exi stenzen von Abermillionen Bürgerinnen bedrohen — ab wann beginnt das Compliance-Niveau unter das kritische Level zu sinken?

Einschränkungen ohne Enddatum haben natürliche Wirksamkeits-Grenze.
Die dauerhafte Belastungsgrenze einer Gesellschaft könnte zu hoch sein.

Es ist gut möglich, das richtige theoretische Maß an Einschränkungen zu finden und festzulegen. Aber wir können nicht mehr davon ausgehen, dass die Menschen in der Lage sind, sich entsprechend unserer Erwartungen daran zu halten. Auch das war schon immer so: Natürlich gab es bei jeder Quarantäne Verstöße oder Versuche, dagegen zu verstoßen. Auch in St. Louis, der Patenstadt für moderne Lockdowns, gab es sicherlich hunderte, die ständig gegen die Ausgangssperre verstoßen hatten. In St. Louis halfen allerdings zwei Dinge:

Erstens waren die Maßnahmen schon nach zwei Monaten nicht mehr zwingend nötig. Sie blieben zwar bestehen, aber eine Einhaltung aller war nicht mehr entscheidend. Zweitens waren selbst diejenigen, die verstießen, im Zweifel nur wenige Stunden ansteckend, bevor sie oder andere merkten, dass sie erkrankt waren. Beides ist bei Covid-19 nicht mehr der Fall.

Unsere Gesellschaft hat keine Erfahrung mit längeren Lockdowns. Es gibt keine Empirie. Zu keiner einzigen Lockdown-Strategie. Ab Januar setzen wir also alle eine ungetestete Innovation um — eine neue soziale Technologie. Sie sollte deshalb also durchdacht sein.

Bei dauerhaft wirkenden Einschränkungen ohne klar erkennbares Ende sinkt der zusätzliche Nutzen von Maßnahmen. Jede neue Maßnahme muss mit weniger Einhaltung durch Bürgerinnen und Bürger rechnen. Bis der Nutzen irgendwann Null ist: Es gibt dann eine unsichtbare Grenze, die die Maßnahmen niemals durchbrechen können.

Diese Belastungsgrenze ist für jede Gesellschaft eine andere und sie ist individuell jeweils eine andere, aber sie existiert. Für Unternehmen, Institutionen, Privatleben, Familien und auch das politische System. Im Nachgang zu dieser Pandemie werden wir viel darüber forschen und dann letztendlich genaueres wissen. Einstweilen bleibt uns nur Logik:

Je nach Virus-Mutation kann es sein, dass die dauerhafte Belastungsgrenze einer Gesellschaft erreicht ist, bevor das Virus kontrolliert werden kann.

Dann geraten die Krankenhäuser außer Kontrolle — trotz massiver Anstrengungen. Aber: Belastungen, die Unternehmen, Institutionen, soziale Beziehungen und Familien langfristig aus der Bahn werfen würden, sind für eine kürzere Dauer ertragbar. Manchmal sogar Teil des normalen Lebens: Schulferien für Schulen, Wochenende für alle, Weihnachten für die Wirtschaft.

Mehr dazu im nächsten Teil.

Bundesvorsitzender Junger Wirtschaftsrat, Beiratsvorsitzender Bundesblock, Beiratsvorsitzender KI-Verband, Chef bei Ewald & Rössing.

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